Zur Person

Leben

Boris Kuschnir

Geboren 1948 in Kiew, zog das Kind Boris Kuschnir sehr früh die Ärmel hoch. Der Vater, Erster Konzertmeister im Kiewer Rundfunkorchester, stellte ihm einen Notenständer neben seinen eigenen – und brachte ihm bei, dass „auch die kleinste Note singen muss, und die Musik atmen." Die Mutter, ebenfalls Geigerin, hörte ihm nach jedem Auftritt ehrlich zu. Schmeichelei kannte das Haus nicht; Musik schon.

In Kiew studierte er bei Veniamin Seldis, später bei Lasar Benderski – und reiste mit siebzehn nach Leningrad, ins Zimmer Leopold Auers, um Michail Waiman vorzuspielen. Dann Jankelewitsch in Moskau, der ihn nehmen wollte – aber erst in einem Jahr. Weil inzwischen der Militärdienst rief, entschied sich der junge Kuschnir spontan für Boris Belenki. Eine zufällige Wahl, sagt er heute, „die mein Leben verändert hat."

1966 bis 1975 gehörten die Flure des Tschaikowski-Konservatoriums einer kleinen, unglaublichen Familie. David Oistrach unterrichtete nebenan, Leonid Kogan probte im Saal darunter, in der Kantine trafen sich Schostakowitsch, Chatschaturjan, Swjatoslaw Richter, Emil Gilels, Mstislaw Rostropowitsch. Kammermusik lernte Kuschnir bei Valentin Berlinski vom legendären Borodin-Quartett. 1970 gründete er mit drei Kommilitonen das Moskauer Streichquartett – und arbeitete mit Schostakowitsch an dessen 13. Streichquartett, bei dem Komponisten zu Hause, „am Küchentisch, mit Tee".

An einem Nachmittag spielte ich im Kleinen Saal zwei Paganini-Capricen und Mozarts Viertes. Im Publikum saß Oistrach, den ich nicht erwartet hatte. Nach dem Konzert sagte er zu meinem Lehrer: „Wer ist das? Den müssen wir zum Wettbewerb schicken."

So begann die Solokarriere. Beim großen Sowjetunion-Wettbewerb holte er den dritten Preis – es gab nur drei.

Paris, April 1975. Mitten im Schostakowitsch, an einer leisen Stelle, fiel ein Schuss. Dann weißer Rauch, ein Ruf nach Freiheit – und Dutzende weiße Mäuse, die unter den Sitzreihen hervorkrabbelten. Das Moskauer Streichquartett spielte weiter. Bis zum letzten Takt. Im Saal saß zufällig Michel Schwalbé, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, der auf die Bühne eilte, um die vier zu schützen. Sie wurden als Helden nach Moskau zurückgetragen – und Daniel Hope schrieb die Geschichte später in sein Buch über Pannen und Katastrophen.

Sechs Jahre später: Wien. Ausreise, Koffer, ein neuer Anfang. Kuschnir spielte Zubin Mehta vor, bekam 1983 die Konzertmeisterposition beim Bruckner-Orchester Linz, und – nach einem weiteren Vorspiel – 1984 die Professur am Wiener Konservatorium. In einer kleinen Wohnung im 4. Bezirk stand bald ein Pianino. Und dann geschah etwas, was er selbst als Wende bezeichnet: an einem privaten Klassenabend spielte ein achtjähriger Junge vor.

Plötzlich hörte ich etwas Besonderes, vielleicht etwas Geniales. Das hat nur einen Moment gedauert, vielleicht eine halbe Note, eine Millisekunde – aber ich wusste: da ist etwas.

Julian Rachlin. Fünf Jahre später gewann er in Amsterdam den Eurovision-Wettbewerb und war über Nacht weltbekannt. Kuschnir begann, wie er es nennt, „Schritt für Schritt das Talent zu kristallisieren" – eine Formulierung, die er von Rodin borgt, der gefragt, wie er seine Skulpturen mache, antwortete: „Ich mache überhaupt nichts. Ich versuche nur, alles wegzustemmen, was nicht dazu gehört."

Die Kammermusik wurde Kuschnirs zweites Zuhause – und in Wien öffneten sich mehrere Türen auf einmal. Mit Stefan Mendl am Klavier und wechselnden Cellisten gründete er 1984 das Wiener Schubert Trio, das über zwei Jahrzehnte zu den festen Ensembles der Stadt gehörte. Ein Abend im Musikverein, ein Konzert im Konzerthaus, dann die Reise nach Japan – Schubert, Mendelssohn, Ravel als Wegbegleiter. 1993 debütierte er mit dem Wiener Brahms Trio – zusammen mit Orfeo Mandozzi am Cello und Jasminka Stančul am Klavier – bei Gidon Kremers Kammermusikfestival in Lockenhaus. Seitdem Konzerte auf vier Kontinenten, Einspielungen bei Nimbus und CAvi-music, ein gemeinsames Repertoire von Haydn bis Schostakowitsch. Und dann das Kopelman Quartett. Mit Michail Kopelman als Primarius – jahrzehntelang der erste Geiger des Tokyo String Quartet – reist Kuschnir als Bratschist durch die großen Säle: Wigmore Hall, Concertgebouw, Salle Pleyel, Suntory Hall. Russische Seele, Wiener Kultur, amerikanische Präzision – ein Trio im Quartett, sagt er manchmal selbst.

In all dem ein beständiger Begleiter: eine Stradivari „La Rouse-Boughton" aus dem Jahr 1703, eine Leihgabe der Österreichischen Nationalbank. Kuschnir beschreibt sie, wie man einen Menschen beschreibt – mit Alter, Eigensinn und einer eigenen Geschichte. „Jede Violine spricht mit einem und verzaubert, wenn man sich ihr hingibt."

Auf der Bühne stand er über die Jahre neben Yehudi Menuhin, Elisabeth Leonskaja, Juri Bashmet, Vladimir Ashkenazy, Gidon Kremer, Natalia Gutman. Als Juror reiste er nach Brüssel (Queen Elisabeth), Moskau (Tschaikowski), Helsinki (Sibelius), Paris (Long-Thibaud), Wien (Fritz Kreisler). Als Meisterkurs-Dozent nach Dubrovnik (Julian Rachlin & Friends), Israel (Keshet Eilon), Prag, Seoul, Tel Aviv, Oxford, Salzburg, Kronberg – meist mit einem Koffer, einer Stradivari und einem halb beschriebenen Notizheft.

Aus dem Unterricht in Wien und Graz sind Nikolaj Znaider, Julian Rachlin, María Dueñas, Lidia Baich, Dalibor Karvay, Alexandra Soumm, Aleksey Igudesman, Sergey Dogadin und viele weitere hervorgegangen – heute Solist:innen, Konzertmeister:innen, Professor:innen. „Ich kann einen Schüler nicht zu einem Musiker machen. Ich kann ihm nur helfen, hinzuhören, bis er ihn selbst findet – den Ton, den er meint."

Für seinen Einsatz wurde Boris Kuschnir mit dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet und zum ordentlichen Professor ernannt. Am meisten aber, sagt er, sei er stolz auf seine Familie – seine Frau, seine zwei Söhne – und darauf, dass er tut, was er liebt. Heute ist Wien Heimat: eine Stadt, die sich die Musik leise gemacht hat, damit sie gehört werden kann. Zwischen den Reisen, den Klassen, den Proben bleibt das Private der Ort, an dem alles beginnt – und wohin es immer wieder zurückkehrt.

Ein Ton ist nie allein. Er hört zu, er antwortet, er weiß, wer vor ihm war und wer nach ihm kommt.