Zur Person

Leben

Boris Kuschnir

„Auch die kleinste Note muss singen, und die Musik muss atmen.“ Diesen Satz seines Vaters erinnert Boris Kuschnir noch Jahrzehnte später. 1948 in Kiew geboren, wächst er mit zwei geigenden Eltern auf. Der Vater, Erster Konzertmeister des Radio-Symphonieorchesters Kiew, gibt ihm den ersten Unterricht. Die Mutter hört sein Spiel mit kritischem Ohr. Klang und genaues Zuhören gehören zu seinen frühesten musikalischen Erfahrungen.

Am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium wird Boris Belenki sein Lehrer. Am Gnessin-Institut in Moskau vertieft er anschließend seine kammermusikalische Ausbildung beim Cellisten Valentin Berlinski vom Borodin-Quartett. Kuschnir begegnet David Oistrach und Dmitri Schostakowitsch; mit seinem 1970 gegründeten Moskauer Streichquartett arbeitet er beim Komponisten zu Hause an dessen 13. Quartett. Es sind Erfahrungen, auf die er später auch im Unterricht zurückgreift: eine Partitur verstehen, Stimmen aufeinander abstimmen, musikalische Einzelheiten ernst nehmen.

1969 gehört Kuschnir zu den Preisträgern des Allunionswettbewerbs in Leningrad. Im Finale spielt er Beethovens Violinkonzert mit den Leningrader Symphonikern unter Yuri Temirkanov. Die solistische Laufbahn beginnt, zugleich bleibt das Quartett ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. 1981 verlässt er die Sowjetunion und übersiedelt nach Österreich. Auf die Moskauer Jahre folgen die Konzertmeisterstelle beim Bruckner Orchester Linz und der Unterricht in Linz und Wien.

In Österreich hört er einen achtjährigen Geiger: Julian Rachlin. Kuschnir erkennt dessen außergewöhnliche Begabung und übernimmt seinen Unterricht. Im Gespräch mit Nikolaj Znaider wird er diese Begegnung später als entscheidend für seine pädagogische Laufbahn beschreiben. 1988 gewinnt Rachlin den Eurovisionswettbewerb in Amsterdam. Auch Nikolaj Znaider, Lidia Baich, Dalibor Karvay und María Dueñas zählen zu den Studierenden, deren internationale Karrieren Kuschnir als Lehrer begleitet hat.

Seit 1984 lehrt er an der heutigen Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien; 1999 wird er zum ordentlichen Universitätsprofessor in Graz berufen. Daneben gründet er das Wiener Schubert Trio und das Wiener Brahms Trio, später ist er Mitbegründer des Kopelman Quartetts. Konzerte führen ihn in den Wiener Musikverein, die Carnegie Hall und die Londoner Wigmore Hall. Bühne und Unterricht bleiben miteinander verbunden: Was er von seinen Studierenden verlangt, möchte er auch im eigenen Spiel zeigen.

Wenn Kuschnir über große Geiger spricht, kommt er auf den Klang zurück – auf die Fähigkeit, mit einem Instrument zu singen und Gefühle hörbar zu machen. Der Gedanke, den ihm sein Vater mitgegeben hat, beschäftigt ihn als Musiker ebenso wie als Lehrer.