Als Nikolaj Znaider 2008 für The Strad mit seinem ehemaligen Lehrer spricht, beginnt er mit einer Frage zur Linie: Leopold Auer, Carl Flesch, Ivan Galamian, Juri Jankelewitsch – Namen, die für uns alle eine gewisse Ehrfurcht auslösen. Wie sehe Kuschnir heute die Rolle eines großen Geigenpädagogen?
Kuschnirs Antwort ist schlicht und streng:
Ein großer Lehrer muss in erster Linie ein großes pädagogisches Talent haben. Er muss die Probleme seiner Schüler nicht nur sehen, sondern sie auch in der richtigen Reihenfolge lösen.
Die ersten Lehrer
Die ersten wichtigen Einflüsse kamen vom Vater – Erster Konzertmeister im Kiewer Rundfunkorchester, jahrzehntelang Kammermusiker. Von ihm lernt Kuschnir, wie wichtig die Klangqualität ist: „Auch die kleinste Note muss singen, und die Musik muss atmen." Die Mutter, selbst Geigerin, sagt nach jedem Auftritt die Wahrheit über sein Spiel – eine frühe Lektion darüber, wie wichtig eine professionelle, ehrliche Kritik gerade für junge Musiker ist.
In Kiew studiert er bis siebzehn bei Veniamin Seldis, später bei Lasar Benderski. Dann Moskau. Er spielt Michail Waiman in Leningrad vor, im Zimmer Leopold Auers. Er spielt Jankelewitsch vor, der ihn nehmen will – aber erst in einem Jahr. Und weil in der Sowjetunion unterdessen der Militärdienst ruft, geht Kuschnir stattdessen zu Boris Belenki. Eine zufällige Entscheidung, die, sagt er rückblickend, sein Leben verändert.
Belenki
Belenki arbeitete, so Kuschnir, „millimetergenau". Er sah nicht die Symptome, sondern das Problem – „wie ein sehr guter Arzt". Zwei Jahre lang übt der junge Kuschnir Tonleitern, Doppelgriffe, Dezimen, Etüden, nicht zu schwere Barocksonaten, ein gut dosiertes Repertoire. Erst dann darf er mehr Zeit für Solo- und Kammermusikauftritte aufwenden.
Nach jeder Stunde schreibt der Schüler einen Brief an die Eltern in Kiew: was war, was der Lehrer gesagt hat, wie er es gesagt hat. Unbewusst, wie Kuschnir heute weiß, analysiert er schon damals – und notiert in einem Heft eine ganze kleine Schule.
Wieso und wie, diese Fragen haben mich immer interessiert. Und ich wollte das auch dokumentieren.
– Boris Kuschnir
Die goldenen Zeiten in Moskau
1966 bis 1975: am Tschaikowski-Konservatorium kreuzen sich fast täglich die Wege mit David Oistrach, Leonid Kogan, Schostakowitsch, Chatschaturjan, Swjatoslaw Richter, Emil Gilels, Mstislaw Rostropowitsch. Mit seinem Streichquartett arbeitet Kuschnir sogar bei Schostakowitsch zuhause am 13. Streichquartett. Alle zwei bis drei Monate finden Auswahlspiele für internationale Wettbewerbe statt, auf unglaublich hohem Niveau. Für die Pädagog:innen ist es entscheidend, wer den nächsten großen Preis holt.
Ein Zufall – oder vielleicht auch nicht – bringt die Wende: Kuschnir spielt im Kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums zwei Paganini-Capricen und den ersten Satz aus Mozarts viertem Konzert. Im Saal sitzt Oistrach, der ihn nicht kennt. Nach dem Konzert sagt er zu Kuschnirs Lehrer: „Wer ist das? Der gefällt mir sehr, wir müssen ihn zum Wettbewerb schicken." Kuschnir wird zum großen Sowjetunion-Wettbewerb geschickt und gewinnt dort den dritten Preis – es gibt nur drei. Seine Solokarriere beginnt.
Der kleine Rachlin
1981 die Ausreise nach Wien. Zubin Mehta vorgespielt, Konzertmeisterposition in Linz, kurz darauf Professur am Wiener Konservatorium. Ein Pianino in der Wohnung, ein privater Klassenabend, ein achtjähriger Junge spielt vor.
Plötzlich war ich sehr erstaunt, denn ich hörte bei seinem Spiel etwas Besonderes, vielleicht etwas Geniales. Das hat nur einen Moment gedauert, vielleicht eine halbe Note, eine Millisekunde.
Julian Rachlin. Dreizehnjährig gewinnt er 1988 in Amsterdam den Eurovision-Wettbewerb und ist über Nacht weltbekannt. Kuschnir beginnt, so formuliert er es, Schritt für Schritt „das Talent zu kristallisieren".
Rodin
Wie also findet er den Zugang zu einem jungen Menschen? Kuschnir verweist auf Rodin. Als man den Bildhauer fragt, wie er seine Skulpturen mache, antwortet er: „Ich mache überhaupt nichts. Ich nehme einen Stein und ich versuche, alles, was nicht dazu gehört, wegzustemmen. Und so kommt automatisch die Figur heraus." So versuche er, das Talent von allem zu befreien, was stört.
Vertrauensperson
Es gehe nicht nur um das Geigenspielen. Für manche Schüler:innen spiele er fast eine Vaterrolle, für viele sei er Freund, für andere Arzt oder Berater. „Oft erzählen mir meine Studenten über ihr Leben, über ihre Gefühle, ihr Glück oder ihre Probleme, und ich erzähle das nie jemandem weiter." Ein Vertrauensverhältnis, das oft weit über die Studienzeit hinaushält. Natürlich – fügt Kuschnir hinzu – lerne auch er selbst sehr viel von ihnen.
Was einen großen Geiger ausmacht
Gegen Ende kommt Znaider auf die Kernfrage: Warum gibt es heute so viele sehr gute, aber so wenige große Geiger? Kuschnirs Antwort ist eine nostalgische und zugleich eine prinzipielle. Was ihn bei Milstein, Oistrach, Kogan, Szering oder Francescatti fasziniert habe, sei nicht nur die Technik gewesen – die gebe es auch heute in großer Zahl. „Was mich damals fasziniert hat – und was heute leider fast verschwunden ist – das war die Tongebung. Die Geiger haben damals gesungen. Ja, es geht um die Klangqualität!"
Mit seinem besonderen Ton, sagt Kuschnir, könne der Geiger seine Gefühle zeigen, seine Seele ausdrücken. Wenn er das als Zuhörer nicht spüre, sei das Konzert für ihn wertlos.
Andersens Kaiser
Er sieht, sagt er, die Gefahr einer Gewöhnung an Mittelmäßigkeit – und bemüht das Märchen von Andersen. Der Kaiser war ohne Kleider, aber alle beteuerten, er trage die schönsten Gewänder.
In Konzerten haben wir heute oft eine ähnliche Situation. Jemand spielt, und ich höre: kein großer Geiger, kein großer Musiker. Keine Kleider.
Die Menschen gingen ein Mal, zwei Mal, drei Mal – dann kämen sie nicht mehr.
Zum Schluss
Das Gespräch endet mit einem Dank. Znaider: „Ich bewundere Sie und bin glücklich, dass Sie so viel Leidenschaft haben für Ihren Beruf … Danke für alles, und danke für das Gespräch." Kuschnir antwortet:
Und ich möchte gerne meinen Schülern dafür danken, dass sie mich als ihren Lehrer gewählt haben. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt und lerne noch immer von ihnen. Ohne sie wäre mein Leben viel weniger interessant verlaufen.