Ohne Lehrer geht es nicht im Leben. Lehrer zu werden habe ich von meinen eigenen Lehrern gelernt – und von meinen Schülern.
– Boris Kuschnir
Walter Weidringer beginnt sein Porträt in einem Ton der Nachdenklichkeit. Kuschnir, 1948 in Kiew als Sohn einer Musikerfamilie geboren, mit 18 an das Moskauer Tschaikowski-Konservatorium – und schon dort in einer glücklichen Konstellation. Sein Lehrer Boris Belenkij, ein „fantastischer Violinlehrer", daneben regelmäßig David Oistrach, der eine der vier Violinabteilungen des Konservatoriums leitet. Dmitri Schostakowitsch arbeitet mit Kuschnir und dessen Quartettkolleg:innen an den Streichquartetten Nr. 13 und 14 – Stücke, mit denen die jungen Musiker prompt auf Wettbewerben bestehen.
Hüben und drüben
Glück ist das Wort, das Kuschnir immer wieder bescheiden im Munde führt – und Weidringer hat ein feines Ohr dafür, wie es in Kuschnirs russischem Akzent, fast ohne Umlaut, seinen eigenen Nachdruck bekommt. Dabei sei es zuallererst sein Talent gewesen, das ihm 1969 beim Allunionswettbewerb mit dem Beethoven-Konzert den Sieg eintrug. Zahlreiche weitere Preise folgten, nicht zuletzt für den Kammermusiker mit dem von ihm gegründeten Moskauer Streichquartett. 1981 folgte – „glückte!" – die Emigration nach Österreich. Erster Konzertmeister des Bruckner-Orchesters Linz, 1984 Professor am Wiener Konservatorium, später zudem in Graz. Und die Ensembles: zuerst das Wiener Schubert Trio, seit 1993 das Wiener Brahms Trio, das Kopelman Quartett.
Bitte nicht stören
Doch Kuschnir, so Weidringer, ist auch etwas anderes: ein Lehrer, der von seinen Schüler:innen lernt. Die Liste ist lang – Julian Rachlin, Nikolaj Znaider, Lidia Baich, Alexandra Soumm; sechs seiner Schüler:innen säßen derzeit in den Reihen der Wiener Philharmoniker.
Jeder von ihnen ist einzigartig. Ich wollte immer nur gute Musiker mit eigener Sichtweise und eigenen Ideen ausbilden.
Wie es dazu kam? Ein Pianino in der damaligen Wiener Wohnung, ein privater Klassenabend 1983, die Begegnung mit den Rachlins – eine russisch-jüdische Musikerfamilie, die wie er selbst aus der Sowjetunion nach Österreich emigrieren konnte. Der achtjährige Julian spielt vor. Kuschnir nimmt ihn unter seine Fittiche. „Es war Glück für beide Seiten", ist er überzeugt. „Denn durch ihn, von dem damals trotz seiner Begabung keiner glaubte, er würde einmal ein berühmter Solist werden, konnte sich auch mein Talent als Lehrer entfalten."
Auf den letzten Metern allein
Kuschnirs Unterricht, schreibt Weidringer, ist auf langem Atem gebaut. „Gerade die heute berühmtesten unter meinen Studenten haben sehr lang mit mir gearbeitet: Julian von acht bis fünfundzwanzig, Lidia Baich von achteinhalb bis dreißig, Nikolaj Znaider von achtzehn bis sechsundzwanzig …" Die Schüler:innen bleiben, weil er sie im letzten Abschnitt der Entwicklung nicht stört. Den Gipfel erstürmen die so Vorbereiteten auf ihre je eigene Weise – nicht als blasse Kopie des Lehrers.
Zeit für Details
Eine Anekdote veranschaulicht das: Rachlin und Maxim Vengerov treffen einander als Teenager immer wieder und tauschen sich über das Repertoire aus, das sie gerade erarbeiten. Vengerov erzählt von einem der Paganini-Konzerte. Ein paar Monate später: Mendelssohn. Noch später: Tschaikowski. Und Rachlin? Wieniawski. Erster Satz. Zweiter Satz. Dritter Satz.
Ja, ich halte große Stücke auf Detailarbeit, und die kostet Zeit. Aber die Details sind wichtig. Und die gelernten Kleinigkeiten helfen auch in anderen Werken.
Mittlerweile, fügt Weidringer hinzu, pilgern junge Geiger:innen genau für diese penible, langsame Detailarbeit zu Kuschnir.
Locker? Gewusst, wie
Die vielzitierte „russische Violinschule" besteht für Kuschnir zunächst in einer Technik, die es erlaubt, den Beruf bis ins hohe Alter auszuüben. Körperhaltung, Bogenführung, Saiten- und Lagenwechsel, entspanntes Spiel. Den Begriff der Lockerheit findet er allerdings trügerisch:
Es muss genau klar sein, welche Muskeln locker sein müssen, was die rechte, was die linke Hand, was die Schulter macht, welche Lagenwechsel wo zu wählen sind.
Freundschaftsspiel
So ein Kompliment, das Weidringer anführt – Znaider sagt Kuschnir heute: „Wissen Sie warum? Weil ich von Ihnen gelernt habe, wie!" – freut den Lehrer sichtlich. Noch schöner sei, dass er mit den ehemaligen Schüler:innen Freundschaften verbinden und mit etlichen von ihnen im Musikverein spielen könne.